Einrichtung von Lehrerarbeitsplätzen am Goethe-Gymnasium in Hamburg

Mit der Potsdamer Lehrerstudie hatten wir aufgezeigt, dass viele Lehrerinnen und Lehrer einer problematischen Beanspruchungssituation ausgesetzt sind, die ihre Ursachen auch in unzureichenden Arbeitsbedingungen hat (Schaarschmidt, 2005; Schaarschmidt & Kieschke, 2007). Eine dieser defizitären Bedingungen ist das Fehlen von persönlichen Arbeitsplätzen. Hier eine Veränderung herbeizuführen, ist nach unserer Überzeugung eine dringliche, ja überfällige Gestaltungsaufgabe. Wenn es gelingt, in den Schulen individuelle Arbeitsplätze für die Lehrerinnen und Lehrer zu schaffen, dürfte das von Gewinn sowohl für deren Gesundheit als auch für die Qualität ihrer pädagogischen Arbeit sein.

Die derzeitige Situation

Die gegenwärtig vorherrschende Praxis, wonach sich der Unterricht auf die knappe Zeit des Vormittags konzentriert und der Lehrkraft über 5–7 Stunden hinweg hohe Verausgabung ohne nennenswerte Gelegenheiten zur Besinnung und Erholung abverlangt wird, ist dringend zu verändern. Gefordert ist eine Organisation des Schulalltags, die es ermöglicht, dass auf Phasen der Anspannung auch solche der Entspannung folgen können. Und eine derartige Organisation setzt den individuellen Arbeitsplatz voraus, der Möglichkeiten für Tätigkeitswechsel bietet und auch ein Rückzugsraum im Trubel des schulischen Alltags sein kann. Nur mit dem in der Schule verfügbaren persönlichen Lehrerarbeitsplatz dürfte im Weiteren die Voraussetzung gegeben sein, den Anteil der zu Hause zu leistenden schulischen Arbeit deutlich zu verringern. Zur Zeit beträgt dieser Anteil – eigenen Erhebungen zufolge – am Unterrichtstag 3,6 Std., am Samstag 3,1 Std. und am Sonntag 3,5 Std. Und ein Großteil dieser Arbeitszeit wird, meist bedingt durch die familiären Verpflichtungen, in die Abendstunden verlagert. So ermittelten wir, dass von Montag bis Donnerstag 53 % der Lehrkräfte noch nach 20 Uhr und 25 % sogar noch nach 22 Uhr am heimischen Schreibtisch sitzen. Am Freitag und Samstag gehen diese Zahlen deutlich zurück, um dann am Sonntag wieder anzusteigen (35 % nach 20 Uhr und 15 % nach 22 Uhr)(Schaarschmidt u. a., 2007). Unter diesen Voraussetzungen kann nicht erwartet werden, dass alle Lehrkräfte mit Schwung und Energie den neuen Unterrichtstag bzw. die neue Unterrichtswoche angehen.

Vorteile durch Lehrerarbeitsplätze

Wird jedoch mittels Arbeitsplatz die Möglichkeit eingeräumt, einen größeren Teil der Vor- und Nachbereitungsarbeiten in der Schule zu erledigen, ist eine spürbare Entlastung sowohl der Abende als auch des Wochenendes zu erwarten und damit eine klarere Trennung der Lebensbereiche Schule – Nicht-Schule, die vielen Lehrerinnen und Lehrern so schwer fällt, die aber besonders für die psychische Erholung von großer Bedeutung ist.

Ein weiterer wesentlicher Vorteil des persönlichen Arbeitsplatzes sei hervorgehoben: Wird mehr gemeinsame Zeit über den Unterricht hinaus in der Schule verbracht, so dürfte das der Kommunikation und Kooperation zwischen den Lehrkräften zugute kommen. Und damit sind wiederum bedeutsame gesundheitliche Effekte verbunden: Der Arbeitsplatz wird dazu beitragen, das noch immer vorzufindende Einzelkämpfertum zu überwinden und das Erleben sozialer Unterstützung zu fördern, dem eine wichtige protektive Funktion in der Auseinandersetzung mit den Belastungen des Arbeitsalltags zukommt. Die möglichen positiven Auswirkungen gehen aber auch über den gesundheitlichen Aspekt hinaus. So ist die Kooperation zwischen den Lehrkräften zugleich eine entscheidende und meist noch zu wenig genutzte Ressource der Qualitätsentwicklung. Man denke etwa an die kollegiale Vorbereitung von Unterrichtsinhalten, an die regelmäßige Abstimmung in didaktischen und erzieherischen Fragen und den gegenseitigen Austausch zu aktuell anstehenden Aufgaben und Problemen. All das kann in erheblichem Maße gemeinsames und effektives pädagogisches Handeln fördern. Kurzum: Erst mit dem Arbeitsplatz kann das Potential kollegialer Arbeit voll genutzt werden. Und es kommt Weiteres hinzu, was unter dem Qualitätsgesichtspunkt wichtig ist: So werden sich z. B. Gespräche mit Schülern und Eltern sowie Maßnahmen der individuellen Förderung bei der Verfügbarkeit über persönliche Arbeitsplätze sehr viel besser realisieren lassen. Und bekanntlich sind es gerade auch diese pädagogischen Aufgaben, denen heute und in Zukunft ein stärkeres Gewicht zukommen muss.

Ermutigende Erfahrungen mit persönlichen Arbeitsplätzen im Hamburger Goethe-Gymnasium

Es liegen inzwischen Erfahrungen einzelner Schulen mit der Einrichtung persönlicher Arbeitsplätze für die Lehrerinnen und Lehrer vor. Es versteht sich, dass sie insbesondere für die Arbeitsgestaltung an Ganztagsschulen von großem Interesse sind, doch sehen wir die Gestaltungserfordernisse auch für alle weiteren Schulen.

Wir verweisen hier auf das Beispiel des Hamburger Goethe-Gymnasiums, in dem das Kollegium aus eigenem Entschluss und weitgehend mit eigener Kraft dafür gesorgt hat, dass heute jede Kollegin und jeder Kollege (von insgesamt 52) über einen persönlichen Arbeitsplatz verfügt (Näheres vgl. Tegge, 2008; umfassende Informationen auf der Website des Goethe-Gymnasiums Hamburg).

Wenngleich am Goethe-Gymnasium nicht IEGL zum Einsatz kam, hatten wir die Gelegenheit, eine Befragung mit den Kolleginnen und Kollegen dieser Hamburger Schule durchzuführen (Schaarschmidt & Fischer, 2009). Einzelne interessante Ergebnisse, die auch anderen Schulen bei der Schaffung von Lehrerarbeitsplätzen eine Orientierung bieten können, möchten wir im Folgenden darstellen:

Die Einrichtung der Arbeitsplätze wird fast ausschließlich als ein begrüßenswertes und erfolgreiches Projekt gesehen. In der Wahrnehmung der befragten Kolleginnen und Kollegen überwiegen klar die positiven Effekte des Arbeitsplatzes, die sich zunächst in einer Steigerung der generellen Arbeitszufriedenheit niederschlugen. Eine indirekte Wirkung zeigte sich darin, dass allein schon die Inangriffnahme des Projektes als Ausdruck eines ernsthaften Bemühens um bessere Arbeitsbedingungen für die Lehrkräfte erlebt wurde.

Um den möglichen Gewinn konkreter zu erfassen, hatten wir nach Auswirkungen des eingerichteten Arbeitsplatzes auf drei Bereiche gefragt, nämlich auf

Bei grundsätzlicher Bestätigung des Nutzens in allen drei Bereichen werden zwei Merkmale besonders positiv hervorgehoben: Am eindeutigsten wird bejaht, dass durch den Arbeitsplatz eine effektivere Nutzung der außerunterrichtlichen Zeit in der Schule möglich geworden sei (speziell weniger Leerlauf in den Freistunden). Es sind rund 83 % der Befragten, die angeben, dass das völlig oder überwiegend der Fall sei. An zweiter Stelle folgt die Einschätzung, dass mit den Arbeitsplätzen auch Rückzugsräume geschaffen werden konnten, die mehr Erholung während des Unterrichtstages ermöglichten. Hier sagen rund 69 % der Befragten, dass das völlig bzw. überwiegend zutreffe.

Die deutlichsten Zusammenhänge mit einer Reihe von personalen Merkmalen (Alter, Geschlecht, familiärer Status, Kinder im Haushalt, Teilzeit/Vollzeit, Unterrichtsfächer) ergaben sich bezüglich des Lebensalters. In allen drei betrachteten Bereichen heben die Jüngeren noch mehr als die Älteren die Vorteile der Arbeitsplätze hervor.

Weiterhin wird durch die Arbeitsplätze die Gestaltung des Lehrerarbeitstages im Ganzen beeinflusst. So kommt es z. B. zu einer deutlicheren Trennung der Lebensbereiche Schule – Nicht-Schule und damit zu besseren Voraussetzungen für die Regeneration in der Zeit außerhalb der Schule. Aufschlussreich ist hier das Verhältnis der Zeiten, die für die täglichen beruflichen Aufgaben zu Hause und in der Schule aufgebracht werden. Die Ergebnisse lassen eine Akzentverlagerung in Richtung des schulischen Arbeitsplatzes erkennen. Im Vergleich mit der Situation vor Einrichtung der Arbeitsplätze wird für die Vorbereitungen und (in etwas geringerem Maße) für die Nachbereitungen mehr Zeit in der Schule und weniger Zeit zu Hause aufgewendet. Gleiches gilt für Schüler- und Elterngespräche (wobei sich die Angaben vor allem auf Telefonate mit den Eltern beziehen) und für die Erledigung organisatorischer Aufgaben. Darüber hinaus gibt es in der Schule selbst Veränderungen zugunsten der Zeiten, die für weitere pädagogische Aufgaben aufgebracht werden (wie z. B. außerunterrichtliche Arbeit mit Schülern oder Teilnahme an Schulprojekten). Diese Auskunft geben auch wieder bevorzugt die jüngeren Kolleginnen und Kollegen. Also auch unter dem Gesichtspunkt einer stärkeren Betonung von pädagogischen Aufgaben, die über den Unterricht hinausreichen, deuten sich wünschenswerte Effekte an.

Die Akzentverlagerung findet ihren Ausdruck auch darin, dass sich die Verweildauer am Arbeitsort Schule gegenüber der Zeit vor Einrichtung der Arbeitsplätze um durchschnittlich 140 Minuten pro Woche erhöht hat. Der Arbeitsplatz bringt also offensichtlich eine stärkere Präsenz an der Schule mit sich, wobei keine verbindliche Präsenzzeitregelung angestrebt und vorgenommen wurde.

Bei der Befragung wurden schließlich folgende Vorteile des persönlichen Arbeitsplatzes durch die Lehrerinnen und Lehrer aufgeführt (beginnend mit der häufigsten Nennung):

  1. Man kann die während des Unterrichtstages verfügbare Zeit (Pausen, Freistunden) effektiver nutzen und damit zumindest einen Teil der Vor- und Nachbereitungsarbeiten in der Schule erledigen.
  2. Es ist nunmehr möglich, die Arbeitsmaterialien vor Ort und jederzeit in der Schule verfügbar zu haben und etwas liegen zu lassen, um daran weiter zu arbeiten.
  3. Man findet mehr Gelegenheiten für Rückzug und Ruhe im turbulenten Schulalltag.
  4. Es ergeben sich bessere Möglichkeiten für Austausch und Kooperation in den verschiedensten Arbeitsbelangen.
  5. Der Arbeitsplatz trägt zur spürbareren Trennung von Beruf und Privatleben bei.
  6. Es ergeben sich mehr Möglichkeiten für intensiveren persönlichen und freundschaftlichen Kontakt.

Es werden also in der Tat auch die Vorteile hervorgehoben, die wir als die entscheidenden Gestaltungseffekte erwartet hatten.

Literaturhinweise:

Schaarschmidt, U. (Hrsg.). (2005). Halbtagsjobber? Psychische Gesundheit im Lehrerberuf – Analyse eines veränderungsbedürftigen Zustandes. Weinheim: Beltz.

Schaarschmidt, U. & Kieschke, U. (Hrsg.). (2007). Gerüstet für den Schulalltag. Psychologische Unterstützungsangebote für Lehrerinnen und Lehrer. Weinheim: Beltz.

Schaarschmidt, U., Sieland, B., Fischer, A. W., Rahm, T. & Tarnowski, T. (2007). Die Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer in Nordrhein-Westfalen. Ergebnisse und Vorschläge der Projektgruppe QuAGiS zur Entwicklung eines zukunftsfähigen Arbeitszeitmodells. Verlag VBE NRW: Dortmund.

Schaarschmidt, U. & Fischer, A. W. (2009). Die Lehrerarbeitsplätze am Goethe-Gymnasium Hamburg – eine Bilanz. Unveröff. Bericht, COPING: Wampersdorf.

Tegge, E. (2008). Nie mehr allein zu Haus. Ein Arbeitsplatz für jede Lehrkraft – in der Schule. In: Buchen, H., Horster, L. & Rolff, H. G. (Hrsg.), Schulleitung und Schulentwicklung. Berlin: Raabe.